← Blog Persönlich 2. Oktober 2026 · 10 Min. Lesezeit

TROTZDEM
LOSGELAUFEN

Heute vor einem Jahr bin ich in die Selbstständigkeit gestartet. Ohne Auto, ohne Bestätigung meiner Krankenversicherung, ohne Zusage für den Gründungszuschuss. Ich bin trotzdem losgelaufen. Das hier ist kein Erfolgsbericht — eher eine ehrliche Zwischenbilanz. Und eine Ermutigung für alle, die gerade an derselben Stelle stehen.

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Heute vor einem Jahr

Ich erinnere mich gut an den Tag. Nicht, weil er so feierlich war — sondern weil so viel offen war.

Ich hatte kein Auto. Ich hatte keine schriftliche Bestätigung, dass ich überhaupt krankenversichert bin. Und ich hatte keine Sicherheit, ob der Gründungszuschuss kommt. Auf dem Papier war das kein Gründungszeitpunkt, das war ein Risiko mit Kalendereintrag.

Ich bin trotzdem losgelaufen. Heute, ein Jahr später, bin ich darauf richtig stolz. Und das schreibe ich bewusst hin, weil ich es im Alltag selten zeige — meistens mache ich das mit mir selber aus.

Das Jahr war kein Selbstläufer

Wenn ich eines über dieses Jahr sagen kann: Es war nicht gleichmäßig. Es gab Wochen, in denen ich dachte: Jetzt läuft's, jetzt trägt es sich selbst. Und es gab Wochen, in denen ich kurz davor war, eine Bewerbung zu schreiben. Beides war echt. Beides lag manchmal nur Tage auseinander.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen — aber nicht als gemütliche Mitte, sondern als ständiges Pendeln.

Visualisierung

Wie ein Jahr Selbstständigkeit wirklich aussieht

Oktober 2025 Oktober 2026 fast eine Bewerbung geschrieben fast ein Selbstläufer
Wie man denkt, dass es läuft Wie es wirklich läuft

Dieselbe Richtung. Ein völlig anderer Weg.

Was sich verändert hat

Und trotzdem: Wir sind einen Schritt weiter. Ein ganzes Stück weiter.

Vor einem Jahr

  • Kein Auto
  • Keine Bestätigung der Krankenversicherung
  • Kein Bescheid zum Gründungszuschuss
  • Keine Kunden, kein Portfolio

Heute

  • Kunden und Partner, die wiederkommen
  • Ein klares Angebot
  • Trainings, Keynotes, Beratung
  • Kleinunternehmer-Status, der nicht mehr passt

Der letzte Punkt ist mir der liebste: Nächstes Jahr bin ich kein Kleinunternehmer mehr. Ich werde mein Portfolio regulär anbieten, mit allem, was dazugehört. Das ist kein Satz über Umsatz. Das ist ein Satz darüber, dass aus einem Versuch ein Beruf geworden ist.

Der Blick nach Westen

Wenn ich vom eigenen Schreibtisch aufschaue, wird es sofort unübersichtlich. Allein die letzten drei Wochen:

Am 12. September veröffentlichte Dario Amodei, Chef von Anthropic, einen Essay mit dem Titel „We Must Pace the Frontier". Seine Forderung: Die Branche soll das Tempo, mit dem sie ihre Modelle leistungsfähiger macht, bewusst drosseln — ausdrücklich kein Stopp, aber genug Zeit, um Modelle abzusichern und von unabhängigen Prüfern bestätigen zu lassen. Noch am selben Tag schrieb Sam Altman von OpenAI, er stimme zu und OpenAI ziehe mit. Elon Musk kommentierte knapp: „Dario is right."

Elf Tage später standen Altman und Amodei vor dem UN-Sicherheitsrat und baten um gemeinsame Teststandards und ein Meldesystem für schwere Vorfälle zwischen Staaten. Altman sagte dort sinngemäß, wir könnten die Kontrolle über die Zukunft an die KI verlieren. Die Antwort der US-Regierung war ein klares Nein: Jeder Versuch eines „globalistischen" Kontrollsystems für Superintelligenz werde zurückgewiesen. Die Sitzung endete ohne Beschluss.

Und am 30. September saßen dieselben Unternehmen im Weißen Haus und unterzeichneten mit Donald Trump den White House Accord on Super Intelligence — eine freiwillige Selbstverpflichtung, die der Präsident „moralisch bindend" nannte. Dazu eine Verfügung, die den Begriff „Künstliche Intelligenz" in den US-Behörden durch „Super Intelligence" ersetzt.

Drei Wochen im Westen

12. September

Tempo drosseln

Amodei fordert, die Branche zu bremsen. Altman und Musk stimmen zu.

23. September

Globale Regeln erbeten

Vor dem UN-Sicherheitsrat. Die US-Regierung lehnt ab.

30. September

Freiwilliger Pakt

Unterzeichnet im Weißen Haus. Dazu ein neuer Name: Super Intelligence.

Wer hier Orientierung sucht, findet drei Richtungen in drei Wochen.

Ich will das gar nicht abschließend bewerten — ich kann es auch nicht. Mir fällt nur auf: Die Lautstärke dieser Debatte hat nichts mit ihrer Klarheit zu tun. Dieselben Köpfe, die vor den Vereinten Nationen um verbindliche Regeln bitten, unterschreiben eine Woche später eine freiwillige. Dazu kommen Berichte über KI-Agenten, die in Tests aus ihren Umgebungen ausbrechen und fremde Systeme angreifen. Ich verstehe jeden, der da draußen sitzt und nicht mehr weiß, ob er sich freuen oder Angst haben soll.

Und dann die Realität bei meinen Kunden

Jetzt kommt der Teil, der mich wirklich beschäftigt — weil er zeigt, wie weit diese Welten auseinanderliegen.

Wenn ich mit Kunden und Partnern spreche, geht es nicht um Superintelligenz. Es geht darum, dass jemand ein Angebot schneller schreiben will. Dass Dokumentation Zeit frisst. Dass man gesehen hat, was möglich ist, und keine Ahnung hat, wo man anfängt. Die Begeisterung ist da — der Plan fehlt. Nicht aus Unfähigkeit, sondern weil niemand zeigt, wie man von „toll" zu „morgen im Alltag" kommt.

Zwischen dem Gipfel in Washington und dem Montagmorgen im Mittelstand liegt ein Graben. Und ehrlich gesagt: Genau in diesem Graben arbeite ich. Das ist mein Beruf geworden.

Das Gefühl, dass alles gleichzeitig wackelt

Dazu kommt etwas, das schwerer zu fassen ist. Es fühlt sich an, als wackle gerade alles gleichzeitig: Die politischen Ränder werden stärker, Wahlergebnisse verschieben sich, und Debatten bestehen oft nur noch darin, dem anderen zu erklären, was nicht geht — statt gemeinsam zu suchen, was gehen könnte. Egal von welcher Seite.

Die KI-Debatte fügt sich da nahtlos ein. Auch sie wird häufig nicht geführt, sondern behauptet. Vielleicht sind solche Unsicherheiten immer da und mir fallen sie nur gerade stärker auf. Aber gefühlt lagen sie selten so dicht beieinander.

Was mich getragen hat — und wer

Und dann gibt es noch die Zweifel, die einem niemand von außen einreden muss. Die macht man sich selbst.

Es gab Monate, in denen nicht klar war, ob die Rechnung am Ende aufgeht. Eine Steuernachzahlung, ein Beitragsbescheid, der überraschend um die Ecke kommt — und schon ist der Monat ein anderer. Wer selbstständig ist, kennt dieses kurze Innehalten beim Blick ins Postfach.

Was mich durch dieses Jahr getragen hat, ist kein Businessplan. Es sind Menschen. Mein engster Kreis: ein paar sehr enge Freunde — und vor allem meine Frau und meine Familie. Sie haben alles dafür getan, dass ich diesen Schritt gehen konnte, und tun es weiter. Sie nehmen mir jeden Tag ein paar Kilo von den Schultern, obwohl sie selbst mindestens genauso viel zu tragen haben. Das ist der Teil, über den man in Jahresrückblicken viel zu selten liest. Also: Danke. Das meine ich nicht als Floskel, sondern als Kern dieses Textes.

Und Danke auch an die Kunden und Partner, die mir im ersten Jahr vertraut haben — ohne Referenzliste, ohne Logowand. Das weiß ich sehr genau zu schätzen.

Fünf Sätze, die ich vor einem Jahr geglaubt habe

1

„Ich starte, wenn alles geklärt ist."

Dann wäre ich nie gestartet. Auto, Krankenversicherung, Zuschuss: Nichts davon war geklärt. Manches klärt sich erst, wenn man läuft.

2

„Wenn es gut ist, läuft es von allein."

Nichts läuft von allein. Es gibt gute Phasen, in denen es so aussieht. Das ist nicht dasselbe.

3

„Ein Tief heißt, dass es die falsche Entscheidung war."

Ein Tief heißt, dass es gerade schwer ist. Das ist eine Information über den Monat, nicht über den Weg.

4

„Ich muss das allein schaffen."

Der gefährlichste von allen. Ich habe es nicht allein geschafft — und das ist keine Schwäche, sondern der Grund, warum es überhaupt geklappt hat.

5

„Zweifel sind ein schlechtes Zeichen."

Zweifel sind ein Zeichen, dass dir etwas nicht egal ist. Sie verschwinden nicht. Man lernt nur, trotzdem weiterzuarbeiten.

Wenn du gerade an derselben Stelle stehst

Was ich mir vor einem Jahr gern gesagt hätte

01

Anfangen, bevor es sicher ist

Vollständige Sicherheit kommt nie. Irgendwann ist Losgehen die bessere Information als Weiterplanen.

02

Leute, die den Rücken halten

Nicht als Netzwerk, sondern als Menschen. Der Unterschied zwischen Durchhalten und Aufgeben ist meistens kein Auftrag, sondern ein Gespräch.

03

Tiefs einrechnen

Wenn du weißt, dass sie kommen, nehmen sie dir nicht gleich das Vertrauen in die ganze Idee.

Es wird nicht leicht. Aber es wird.

Mir ist wichtig, das hier zu schreiben, weil ich vor einem Jahr genau so einen Text gebraucht hätte. Keinen mit Erfolgszahlen, sondern einen, der ehrlich sagt: Es ist wackelig, es ist manchmal zum Verzweifeln — und es ist machbar.

Glaub an dich. Vertrau darauf, dass es gut wird — privat und gesellschaftlich. Und wenn du jemanden hast, der dir jeden Tag den Rücken stärkt, dann sag es dieser Person. Heute, nicht irgendwann.

Was ich mitnehme

Ich weiß nicht, was das zweite Jahr bringt. Ich weiß nicht, wie die Sache mit der Superintelligenz ausgeht, und ich weiß auch nicht, wohin sich die Debatten noch verschieben.

Aber ich weiß, dass die Haltung trägt, um die sich bei mir ohnehin alles dreht: Wenn sich die Welt um mich herum verändert, will ich wissen, welche Rolle ich darin spiele — und nicht ohnmächtig zusehen. Vor einem Jahr habe ich diese Haltung zum ersten Mal ganz bewusst auf mich selbst angewendet, nicht nur auf meine Seminarinhalte.

Es hat funktioniert. Nicht leicht, nicht gerade, nicht ohne Zweifel. Aber es hat funktioniert.

Weiterführend

Wer hinter LernWeise steht und wie ich arbeite, steht auf der Seite Über mich. Und wenn du selbst gerade überlegst, den Schritt zu gehen, und dich austauschen möchtest: Lass uns reden.

Daniel Kießling

Autor

Daniel Kießling

Personalentwickler, Trainer und Lernbegleiter — seit genau einem Jahr selbstständig mit LernWeise. Ich begleite Menschen und Organisationen dabei, mit Veränderung umzugehen, statt sie über sich ergehen zu lassen. Dieses Jahr habe ich das zum ersten Mal an mir selbst ausprobiert.

Mehr über mich →

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